Der Fang des Krammetsvogels auf dem Vogelherd

(Quelle: Chronik 250 Jahre Kreuzberg)

- ein alter Brauch, der wieder in Erinnerung gerufen werden soll –

Bis in die dreißiger Jahre ist dieser alte Brauch im Bereich von Wipperfürth und Kreuzberg erhalten geblieben. In einer Kurzanalyse sollen hier die Techniken des Krammertsvogelfanges erläutert werden, so wie es die letzten bergischen Vogelfänger Robert Rademacher und Josef Walder aus Niederscheveling seit ihrer Jugend handhabten.

Der Fang des Krammetvogels fand im Spätsommer zur Zeit der „Krammetsvogelkirmes“ seinen Höhepunkt. Nach Schnepfenart wurde die Vögel gebacken und mit „Heißhunger“ verzehrt. Ein großer Teil des Fanges wurde aber vom Posthalter Müller in die Nachbarstädte verkauft, zuweilen sogar bis Berlin. Hier galten die Krammetsvögel als Delikatesse; sie wurden in den exquisiten Gasthäusern zu hohen Preisen verspeist. Die Krammetsvögel, die aus dem hohen Norden in hellen Scharen kamen, sind Drosselarten. Der Hauptfang galt den „Beemen“ (Weindrossel) und den „Dubbeln (Wacholderdrossel). Die letztere war wegen des zarten Geruches von Wacholder, der über dem Braten schwebte, besonders gefragt. Selten gefangen wurden Schnarrdrossel und Ringdrossel. Zum Fang war ein Jagdschein notwendig, der damals 25,- DM kostete. Der Vogelsteller lauerte in der „Kau“, einem viereckigen Loch im Boden, mit Brettern ausgeschlagen und Erde beworfen. Eine vorzügliche Tarnung war erforderlich, damit die Vögel ins Garn gingen. Weiterhin musste eine 8m lange Furche zur Aufnahme des Netzes gegraben werden, das mit Hölzern bespannt und mit Rasenstücken getarnt wurde. Ring und Zugleine hatte der Vogelsteller in der „Kau“ in seiner Hand. Sorgsam musste auch das „Bestick“, der Vogelköder in Form von Wacholderbeeren und Vogelkirschen, ausgelegt werden. Um den „Kau“ herum und den „Heestern“ (ein Platz von mehreren entlaubten Eichen) saßen die Lockvögel an Riemchen gehalten. Auf die Qualität des „Kickstervogels“, eien Drossel, kam es an, um die anderen Vögel kräftig anzulocken.

Diese unvollständige Beschreibung des Vogelherdes sollte genügen. Der Fang selbst erforderte ein hohes Maß an Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit des Vogelstelllers, da der rechte Augenblick abgepasst werden musste, um die Reißkette des Netzes zu ziehen, nämlich in dem Augenblick, wo sich viele Vögel um den „Bestick“ befanden. Nach einem Zug am Netz schnellte dieses seitlich hoch, entspannte sich und überdeckte die Beute. Die gefangenen Vögel wurden dann durch einen Druck ins Genick getötet und zu einem Gebund (4 Stück) zusammengebunden.

Der Durchschnittsfang betrug 30-40 Vögel pro Tag. Ausnahme waren Tagesfänge von 100-150 Vögel. Von einem der obengenannten Kreuzberger Vogelfänger wurde berichtet, er habe einmal 64 „auf einen Streich“ gefangen. An einem einzigen Morgen sollen ihm sogar 236 Vögel ins Garn gegangen sein.

Mit dem Vogelherd ist eine romantische Liebhaberei und ein interessantes Gewerbe aus unserer Heimat zu Gunsten der Arterhaltung der Vögel verschwunden. Unsere lärmintensive Welt würde wohl schlecht zum stillen Frieden eines Vogelherdes passen.